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Interview

"Skandale rütteln auf – Bittere Image- und Vertrauensverluste aber führen zum raschen Handeln!“

Prof. Dr. Brigitte Petersen © Markus Gloger

Interview mit Prof. Dr. Brigitte Petersen anlässlich der jüngsten Fleischskandale.

Hat der Verbraucher überhaupt eine Chance, zu erkennen, um welches Fleisch es sich in Fertigprodukten handelt?

Petersen: Konsumenten, die regelmäßig Frischfleisch kaufen (Braten, Schnitzel), sind durchaus in der Lage, an der Fleischfarbe und der Faserstruktur Rind-, Schweine- und Pferdefleisch voneinander zu unterscheiden. Auch geschmacklich fällt ein Unterschied auf. Fleisch verarbeitende Unternehmen, die Teilstücke einkaufen, können durchaus erkennen, ob Pferdefleisch darunter war. Allerdings gelingt es weder Fachleuten noch Konsumenten in gemischtem Hackfleisch oder in zubereiteten Convenience-Produkten zu erkennen, ob Pferdefleisch untergemischt worden ist. Hier lässt sich nur mit Laboranalysen das Risiko, betrogen zu werden, ausschließen.

Hätte mit einer schärferen Kennzeichnungspflicht für Fleischprodukte der aktuelle Betrugsfall verhindert werden können?

Petersen: Wenn Personen wissentlich kriminell handeln, helfen auch noch so gute Qualitätssicherheitssysteme (z.B. der „Gammelfleischskandal“) nicht. Die üblichen freiwilligen Verfahren der Etikettierung sind nicht auf Fälschungssicherung ausgelegt. Allerdings ist auch der Handel verpflichtet, begründeten Verdachtsfällen innerhalb seines eigenen Etikettierungs- und Qualitätsmanagementsystems im Rahmen der Lieferantenauswahl und der regelmäßigen Lieferantenbewertung nachzugehen. Auf Initiative des Lebensmitteleinzelhandels wurden übrigens bereits seit Mitte der 70er Jahre eine Reihe von Initiativen angestoßen, um auf der einen Seite die Rückverfolgbarkeit und auf der anderen Seite die Transparenz innerhalb von internationalen Warenströmen sicherzustellen. 

Lebensmittelerzeugung ist längst ein internationaler Markt geworden. Lassen sich Lieferketten überhaupt lückenlos europaweit nachvollziehen?

Petersen: Gesetzlich vorgeschrieben ist das one-step-down, one-step-up-Prinzip. Jedes Unternehmen, das Lebensmittel produziert oder in den Verkehr bringt, muss nachweisen, woher es selbst Ware bezogen hat und wohin seine Ware weiterverkauft worden ist. Halten sich alle Beteiligten an diese gesetzliche Vorschrift, so müsste rein theoretisch eine Rückverfolgbarkeit vom Lebensmitteleinzelhandel bis zum landwirtschaftlichen Betrieb, in dem die Tiere geboren und aufgewachsen sind, nachvollzogen werden. Dem einzelnen Verarbeitungsunternehmen ist es im derzeitigen System in der Regel nicht möglich, die Abfolge von Kunden und Lieferanten seiner Lieferanten auf einen Blick zu erkennen. Allerdings gibt es kettenorientierte Rückerverfolgungssysteme einzelner Unternehmen im Rind-, Schweine- und Geflügelfleischbereich, bei der die Lieferkette ständig einsehbar und verfügbar ist.

Im Juni 2010 wurde dem Europaparlament die Erweiterung der Rückverfolgbarkeitssysteme auf verarbeitete Produkte vorgelegt und dem auch zugestimmt und 2011 von den Agrarministern abgelehnt, um praktikable  Systeme zu entwickeln. Eine branchenweite Lösung bedarf also weiterer Forschungsmittel von Bund und Ländern.

Sind Skandale hilfreich, um ein Umdenken in der Lebensmittelproduktion anzustoßen und Kontrolllücken in der Kette zu schließen?

Petersen: Nachhaltige Verwendung von Ressourcen und damit Qualitätssicherung sowie kundenorientiertes Qualitätsmanagement sind unerlässlich für die Agrar- und Ernährungswirtschaft. Wir müssen noch stärker dahin kommen, Lebensmittel nachhaltig zu erzeugen und einen fairen Handel mit Futter- und Lebensmitteln zu betreiben. Skandale wie der jetzige mit Pferdefleisch oder frühere Gammelfleischskandale waren nie Auslöser für einen Paradigmenwechsel im Qualitätswesen der Lebensmittelwirtschaft, sondern Krisen  –  dies vorweg. Der wesentliche Paradigmenwechsel im Qualitätswesen der Lebensmittelwirtschaft wurde um die Jahrtausendwende durch die BSE-Krise ausgelöst, also nicht durch einen Skandal. Beide Seiten, die behördliche Seite wie die Wirtschaft haben in dieser Zeit klar erkannt, dass eine neue Aufgabenteilung und eindeutige Regelungen der Verantwortlichkeiten für die Sicherheit von Lebensmitteln erforderlich sind. Die Hauptverantwortung für die Sicherheit von Lebensmitteln und den Schutz vor Betrug trägt die Wirtschaft selber, das heißt, alle Stufen der Wertschöpfungskette vom landwirtschaftlichen Betrieb über die Lebensmittelverarbeitung bis zum Lebensmitteleinzelhandel. Erst im Januar haben Manfred Nüssel, der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes und ich gemeinsam ein Buch herausgegeben, das all die Fragen aufgreift, die jetzt wieder aktuell im Fokus stehen, was mir Recht gibt in der Einschätzung, die ich dem Qualitätsmanagement beimesse.

(Petersen, Brigitte und Manfred Nüssel (Hrsg.): Qualitätsmanagement in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, symposion Verlag , 2013), mehr zum Buch>>

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